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  • AutorenbildHeinz Bück

Ins Herz der Grünen Insel

Auf dem Hexenberg von Loughcrew




• Ein kleines rotes Auto rollt in den Hof und parkt hinter dem Visitor Centre von Loughcrew. Ein freundlich dreinblickender stämmiger Mann steigt aus und holt einen Rucksack und Wanderstöcke aus dem Kofferraum. Es ist Punkt elf Uhr: very German! Sarah und Niall stellen uns vor: „Wir haben euch unseren besten Guide besorgt“. Lachend machen wir einander bekannt.

Malachy Hand ist Farmer. Jemand, der auf dem Boden geblieben ist, dem Boden seiner Vorfahren, die seit Generationen Bauern waren wie er selber. Sein Farmland ist von erhabenen Zeugnissen umgeben: megalithischen Ganggräbern, Dolmen und Steinkreisen. Malachy hat ihre Spuren zurückverfolgt – bis in die Eisen- und Bronzezeit (700 bis 2000 vor Christus) und weiter noch bis in die Jungsteinzeit (2.000 bis 3.500 vor Christus und älter), als die ägyptischen Pyramiden noch nicht standen, aber Megalithanlagen im Boyne Valley und in Loughcrew. Die langen schmalen Zugänge ihrer mächtigen Grabkammern sind ausgerichtet nach je einer der vier Himmelsrichtungen, nach den Gestirnen und nach dem Lauf der Sonne. Je nachdem fällt einmal im Jahr durch einen Spalt über dem Eingang das letzte oder erste Licht der Sonnenwende oder der Tag-und-Nachtgleichen: bis in den letzten Winkel der zentralen Kammer.

32 Ganggräber verteilen sich auf vier Hügel allein hier im Norden von Meath. 25 sind erhalten und von den Archäologen fortlaufend durchbuchstabiert. In Loughcrew erhebt sich mit Cairn T das größte und schönste Grab, einst mit einem weißen Portal aus Quarz geschmückt wie das nahe Welterbe Newgrange. Nicht minder prachtvoll als jenes, ist die zentrale Kammer mit kunstvoll verzierten Steinplatten versehen: eine Galerie abstrakter »Megalithic Art«. Petroglyphen des Himmelschronometers verschlingen sich zuweilen, zu Triskelen, wobei jeweils drei symmetrische Spiralen ineinander laufen, als wollten sie die keltische Ornamentalik vorwegnehmen. Diese archaischen Darstellungen des Sonnenlaufs sind Symbole des Werdens und Vergehens. Sie zieren diese Monumentalbauwerke, die als weithin sichbares Memento mori die Landschaften der Insel prägten, als ein kollektives Gesamtkunstwerk der neolithischen Gesellschaft: Denn im zyklisch wiederkehrenden Licht des Jahreslaufes zelebriert die Architektur dieser Grabstätten Hoffnung und Gewissheit, die kurz ihren innersten todesfinsteren Kern erleuchtet. Zehn Mal in zehn Jahren habe er dort im Frühjahr gewartet, erzählt Malachy. Nur einmal war das Wetter so klar und sonnig, dass er diesen flüchtigen, ergreifenden Moment habe erleben dürfen. Unvergesslich!

Solche Cairns verteilen sich über die ganze Insel, übrigens auch auch in UK und über ganz Europa. Diese Monumente sind rituelle Orte jener frühen Farmergesellschaft, die dem natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten folgte und vor 6.000 Jahren im fruchtbaren Nordwesten Europas sesshaft wurde. Die Handschrift der verschiedenen Petroglyphen verrät Archäologen: Die frühen Siedler der Grünen Insel kamen aus zwei Richtungen, von der Irischen See her und vom Atlantik.


Malachy bietet uns seine teleskopierbaren Wanderstöcke an. Er selbst nimmt einen hölzernen Stock mit gekrümmtem Knauf: „Es geht ein gutes Stück bergauf, auf den »Slieve na Calliagh«!“ Der Berg der Göttin »Cailleach«, die in der irischen Mythologie über Nacht riesige Grabhügel auftürmen konnte, wurde in der christianisierten Neuzeit zum »Hügel der Hexe«. »The Old Women´s Mountain« ist die höchste Erhebung im County Meath. Gemächlichen Schrittes steigen wir über einen schmalen Pfad seine steilen Hänge hinauf, pausen, holen kurz Luft, schauen uns um – und erzählen.

Die Aussicht über das Land zu unseren Füßen wird immer schöner. Ob wir »im Norden« gewesen seien, fragt Malachy. Dort in der Ferne, das sei die nordirische Grenze? Wir können sie nicht recht erkennen, Wiesen und Hügel gehen untrennbar ineinander über: „Sicherlich waren wir »im Norden«.“ Von Malin Head, dem nördlichsten Punkt der Grünen Insel, sind wir mit der Fähre über Lough Foyle gefahren, südwärts hinab in den »Norden«.


»The North«, …das hört sich für unsere Ohren inzwischen sehr eigen an, seit wir die Filmschauplätze in »Westeros« besucht haben. Wie im »Song of Ice and Fire« klingt es nach »Winterfell«: so eben noch diesseits jener epischen Mauer aus Eis und Schnee, wo die »Night Watch« ausharrt, um sich dem unabwendbaren Schicksal entgegenzustellen. Als Fernsehserie »Game of Thrones« erzielt das Fantasy Epos beste Einschaltquoten. Viele Drehorte liegen in Nordirland. Ja, wir waren in »The North«: auf Wanderungen an den Klippen der Antrim Coast mit lieben Freunden aus Bushmills, im pittoresken Ballintoy Harbour, wo das Kamerateam die Episoden der Iron Islands drehte. Oder auf dem erhabenen Fairhead hoch über dem Meer, wo man an klaren Tagen wie diesen die Mücken vor der greifbar nahen schottischen Küste zählen kann, wo Jon Snow auf Daenerys Targaryen trifft und Khaleesi, die Drachenmutter, um eine einigende Allianz gegen das drohende Unheil bittet, wie sie auch die Moderne gebrauchen könnte. Zurzeit ist Nordirland politisch paralysiert, im parlamentarischen Patt zwischen Katholiken und Protestanten. Es gibt seit Monaten keine Regierung. London entscheidet kommissarisch, ausgerechnet jetzt, wo es im Brexit um entscheidende Fragen der Zukunft geht…

Ja, wir kamen von Malin Head nach Derry/Londonderry, das sich amtlich immer noch doppelsinnig schreibt. Das riesige Mündungsbecken des River Foyle geht oberhalb der Halbinsel Inishowen in den North Channel über. Es ist den Gezeiten des Atlantiks unter­worfen. Jene kleine Autofähre über Lough Foyle brachte uns hinüber nach Nordirland. Die silbernen kleinen Autos schienen wie von Geisterhand verschwunden und Geländewagen, SUVs oder Limousinen deutscher Herkunft gewichen zu sein. Diese Fährpassage zwischen Greencastle Moville (IRE) im County Donegal und Magilligan Point (NI) in der Grafschaft Londonderry verbindet den »Wild Atlantic Way« mit der nordirischen Küste und ihrer Traumstraße, der »Causeway Coastal Route«. Sie erspart Autofahrern die rund 80 km Umfahrung des riesigen Ästuars. Die Fähre verkehrt aber nur im Sommer. Heute schon steht ihre Finanzierung auf tönernen Füßen. Ein Brexit mit Einreiseformalitäten würde sie zum Erliegen bringen. „Einen EU-Außenhafen wird es da kaum geben.“


Die jungen Leute in Benone am sieben Meilen langen Surferstrand zwischen Magilligan Point und Downhill (NI) hatten gespöttelt: Eine Beauftragte des nordirischen Staates war zur Inspektion vor Ort, um die Situation an einer künftigen harten Grenze zu inspizieren. Ob es Passkontrollen für Surfer und Kanuten in der Mitte der Bay geben werde, hatten sie sie hinterlistig gefragt, doch keine Antwort bekommen. Wie so viele Fragen derzeit keine Antworten haben: Was wird mit dem Kleinen Grenzverkehr und dem Transit im irischen Grenzland? Harte Grenzen träfen die Iren mitten ins Herz und ins Herz der Grünen Insel, die – in Unkenntnis oder vielleicht wegen der historischen Lasten – in der internationalen Wahrnehmung lange als entpolitisierter Ort galt. Die Vorstellung empört Einheimische wie Fremde, Nordiren wie Iren, selbst Brexit-Befürworter. Das hatte kaum einer so gewollt und niemand wirklich kommen sehen. Malachy schüttelt unwillig den Kopf. Ja, ein Schatten liegt über dem Land, der selbst in diesem heißen Sommer nicht zur Abkühlung beiträgt, im Gegenteil: Der Brexit erhitzt die sonst so coolen Gemüter. Gerade „»der Norden« hat wirtschaftliche Folgen zu befürchten. Beiderseits der Grenzen! Investoren ziehen sich zurück. Arbeitskräfte verlassen das Land, insbesondere EU-Bürger aus Osteuropa. Das Klima ist spürbar verändert: atmosphärisch und politisch.


Eine Stadtführung in Derry hatte uns die geschichtlichen Hintergründe sehr nachdrücklich vor Augen geführt. Das »Museum of Free Derry« bewahrt die Erinnerung an die Troubles. Es war die Bürgerrechtsbewegung der politisierten späten 60er Jahre, die im katholischen Stadtteil Bogside ein »Free Derry« ausrief und die Rechte der unterdrückten katholischen Minderheit einforderte. Als Reaktion auf die provokanten Oranierparaden gab es sonntäg­liche Friedensmärsche, doch Polizei schritt massiv ein. Höhepunkt war der Bloody Sunday, als die britische Armee am 30. Januar 1972 wahllos und ohne Grund in eine friedliche Demonstration in der Bogside schoss und 14 meist junge Menschen tötete. Vorsätzlich, wie der jahrzehntelang hingehaltene Untersuchungsbericht erst jüngst feststellte. Die Bürgerbewegung war zerschlagen. Stattdessen übernahmen militante Extremisten auf beiden Seiten das Ruder. Bomben markierten ihren verbrecherischen Weg. Erst mit dem Karfreitagsabkommen am 10. April 1998 wurden die gewaltsamen Troubles beendet.


Auch deshalb besorgt der Brexit die Iren und Nordiren. Und er irritiert die Besucher aus aller Welt. Was wird aus den Touristenstraßen? Millionen Besucher im Jahr rollen wie wir mit dem Reisemobil oder Caravan, mit Fahrrädern, Autos und Bussen ungestört über die grüne Grenze der Grünen Insel. Nahe Derry geht der »Wild Atlantic Way« nahtlos über in Nordirlands »Causeway Coastal Route«. Sie führte auch uns über Belfast zurück, nach Loughcrew, dem Ausgangspunkt dieser Tour. Soll es überall dort ernsthaft Zollabfertigun­gen geben? Unangenehme Erinnerungen werden wach. Während der Troubles hatte die britische Armee bis auf wenige Kontrollpunkte die Straßen und Brücken nach Donegal rund um Derry gesprengt. Sie wurden während der EU-Partnerschaft von Großbritannien und Irland instandgesetzt. Dass sie nach 20 Jahren im Zuge des Brexit geschlossen werden könnten und an Schlagbäumen enden, mochte in Derry niemand akzeptieren. So nahmen wir anders als in den Jahren zuvor einen Schuss Bitterkeit mit aus dem „Norden“.

„Ein älteres Ehepaar aus England sprach mich neulich – ganz ungefragt – darauf an“, erzählt Malachy. „Sie wollten mir erklärten, warum sie für den EU-Austritt gestimmt hatten: Sie wünschten nicht, dass eine fremde Macht oder andere Staaten über ihr Land bestimmten. Ich erwiderte, was ist denn plötzlich falsch daran? Das haben die Briten doch die letzten 300 Jahre überall in der Welt getan – und vor allem hier in Irland… Die Diskussion war beendet, bevor sie angefangen hatte“, lacht Malachy verschmitzt.


Wir reißen uns los aus den ernsten Debatten. Wir stehen auf Cairnbane East, der Sage nach dem Hexenberg, hoch über den sanften Hügeln der Grünen Insel. So großartig wie die Megalith-Monumente um uns ist der atemberaubende Ausblick. „Wer Irland sehen möchte, braucht nicht weit zu fahren“, hatte Nialls Vater Marten augenzwinkernd ange­merkt: „Vom Hexenberg aus kann man halb Irland sehen.“ Tatsächlich: Das Binnenland ist ziemlich flach, sodass die Silhouetten der fernen Berge in allen vier Himmelsrichtungen zu erkennen sind: Die Wicklow Mountains unterhalb Dublins im Südosten der Republik. Gegenüber in Nordirland fern die Mourne Mountains im County Down, wo wir gestern noch waren. Die Berge der Grafschaften Fermanagh und Sligo im Westen. 18 Grafschaften sollen es sein, bestätigt Malachy. Wir staunen, wie harmonisch die natürlichen Landschaften ineinander übergehen, seit eh und je und weit und breit ohne jedes Zeichen politischer und weltanschaulicher Grenzen. Wes Geistes Kind ist dieser Brexit?

Niall und Sarah bleiben optimistisch, dass es nicht zu befestigten Grenzen kommt. Direkt neben uns am Cairn T steht ein magischer Felsen auf der Höhe: der steinerne Thron der Göttin Cailleach: The Wish Stone, ein Wunschstein. Wer sich darauf setzt, dessen Herzens­wunsch geht in Erfüllung: Wir nehmen Platz. Und wünschen uns keine Grenzen in Irland!

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