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  • AutorenbildHeinz Bück

Die vergessene Grafschaft


Hoch und quer durch Donegal


• Es ist Viertel vor elf. Wir nehmen gerne noch einen Kaffee. Sarah schenkt nach: „Und wie ging es von Belcoo weiter?“ Wie gesagt: Pralle Sonne lockte uns an Meer. Von der nordirischen Seenplatte führt der kürzeste Weg an die Traumstrände von Donegal über Belleek (NI) und dann westwärts ins republikanische Ballyshannon. Eingeklemmt zwischen Atlantik und britischem Territorium verbindet ein schmaler Isthmus die Republik Irland mit ihrer nördlichsten Grafschaft – ein Schlupf von anfangs kaum 12,5 km Breite.


Wir kamen nach Donegal, »The Forgotten County«, in die vergessene Grafschaft Dhún na nGall, wie sie im Gälischen heißt. Tír Chonail wird sie in der alten Sprache auch genannt. Sie hat keine Zugverbindung, keine Autobahn und nur wenige Kilometer zweispuriger Landstraße. Doch daran wird gebaggert. Auch die Datenautobahn fehlt. Fiber Optic schlängelt sich nur mühsam nordwärts – durch jenes Schlupfloch vor Belleek und dann ums Eck nach Donegal. Mobilfunk G4 hätten sie und WiFi an der Rezeption, flachste Sean auf einem der traumhaft gelegenen Campingplätze: „Sorry, kein www auf dem Platz, leider fehlt uns ein W zum Fortschritt.“ Dafür aber – und besser noch – gebe es jenes stilisierte Doppel-W, das die Schilder des »Wild Atlantic Way« prägt, ein weißes wellenförmiges Signet auf blauem Grund. Spötter deuten es als den Längsschnitt des Straßenprofils, und in der Tat spricht vieles dafür. Zumal auf den schmalen Sträßchen, die uns zu spektakulären Klippen und einsamen Buchten führten, oft menschenleer – selbst unter diesen blauen Himmeln – und auch zur Hauptsaison eher verlassen. Allenfalls tummeln sich einige Hunde an den Stränden, die ihre Halter, die oben in kleinen, meist silbernen Autos parken, vor die Tür bringen und ausführen.


Das Telefon bimmelt. Niall drückt weg: „Ja, der »Wild Atlantic Way« zieht die Touristen nach Westen. Durchaus! Donegal ist landschaftlich ein Juwel und in seiner relativen Abgeschiedenheit ein Therapeutikum für Kontinentaleuropäer, allein durch die humorvolle Freundlichkeit der Leute, die immer zu einem Schwätzchen aufgelegt sind. Ihre spürbar gelassene Lebensart führt uns ein wenig zurück in die Achtziger Jahre und trägt maßgeblich zur Tiefenentspannung jedes Reisenden bei. Sofern er sich denn dem Rhythmus des hiesigen Lebens überlässt oder zumindest dort einwilligt, wo eh keine andere Wahl besteht als es ruhig anzugehen: auf den leeren Landstraßen, die mit 80 oder gar 100 km Tempolimit ausgeschildert sind, wenngleich oft schon 50 km/h weitaus zu viel sind. Eingereiht in überschaubare Konvois, tuckern die Iren samt ihren Gästen meist geduldig hinter einem kleinen Auto über Land und der Tourist schließt sich ihnen ergeben an. Denn der »Wild Atlantic Way« meint keineswegs die Gepflogenheiten auf der Piste, sondern die herbe Kulisse dieser fantastischen Küstenstraße.


Doch es muss ein Naturgesetz des Nordens geben: es ist immer – zumindest fast immer – ein silberner Kleinwagen, selten ein roter, der selbstvergessen – und gefährlich knapp – kurz vor der nahenden Kreuzung einbiegt, sich vor uns setzt und von nun an unsere Zeitempfindung neu justiert, kondensiert im Hier und Jetzt und – bis knapp vor die kontinentaleuropäische Schmerzgrenze – konzentriert auf das äußerste Minimum an Höchstgeschwindigkeit, dem Genuss dieser atemberaubenden Landschaft völlig erlegen. Nein, sie überholen eigentlich nicht, die Iren, denn sie beschleunigen nicht. Sie entschleunigen einen. „Nur wenn es um Hurling oder Gaelic Football geht, geben sie Gas“, lacht Sarah. Oder um Musik und Tanz! Dann nehmen sie richtig Fahrt auf.

Dort oben im Nordwesten liegen verstreute letzte Enklaven, die große Musiker hervorbringen und auch alltags noch Irisch sprechen: The Rosses, Cloughaneely und Gweedore etwa, bekannt als »The Three Parishes«. Diese drei Verwaltungsbezirke in den Grenzen der alten Kirchengemeinden zählen immerhin 16.000 Gälisch sprechende Menschen. Die Gaeltachts pflegen seit Alters her die irische Kultur, ihre Sprache und Musik. Die Gemeinde Gweedore blickt stolz auf eine der landesweit größten Paraden zum St Patricks Day und auf ihre berühmteste Tochter: Enya. Die irische Songwriterin und New-Age-Sängerin, die bis 2008 weltweit 70 Millionen Alben verkauft hat und 2015 ein kurzes Comeback feierte, lebt heute zurückgezogen auf Manderley Castle, einem kleinen Schloss in Dublin.


Wie Enya entstammt auch TV- und Schlagerstar Daniel O’Donnell dem Jahrgang 1961. Gleich nebenan in »The Rosses« geboren, hat der irische Sänger und Fernsehmoderator sich, seiner Heimat und dem Landstädtchen Dungloe ein Besucherzentrum spendiert, das die Ikonen seiner Fernseh- und Plattenkarriere bewahrt. Gedacht als wirtschaftlicher Impuls für die kleine Stadt und die abgelegene Region, nimmt es 5 Euro Eintritt vom geneigten Besucher. Dafür öffnet es montags bis samstags um 10 a.m. – nur sonntags um 11 – und schließt täglich um 6 p.m. pünktlich nach acht Stunden. Immerhin 10 Millionen Platten von 1984 bis heute, mit oszillierenden Erfolgen in den Charts in UK und Irland, bestärken den Old Star, sein Geld in der Heimat zu investieren. Es hält auch ein kleines Landhotel am Leben. Denn so ist es mit dem verglimmenden Glanz vergangener Zeiten. Er scheint über den Horizont der besseren Tage und erhellt ein wenig die Gegenwart der Hiesigen. Daniel ist einer der ihren geblieben.

Nein, die Zeit steht nicht still in Donegal. Sie vergeht einfach nur langsamer. Und so werden hier Leute 100 Jahre alt, auch wenn sie keine Plattenerfolge vorweisen können. Musizieren und singen können die meisten hervorragend. Nur die Jungen werden hier nicht alt. Bei 18 Prozent, so ist in der Irish Times zu lesen, liege hier die Arbeitslosigkeit: 16 Prozent der jungen Leute in Donegal erwägten in den nächsten fünf Jahren ab- oder auszuwandern. Das ist kein gutes Omen, und ein harter Brexit mit Zollschranken wird die wirtschaftliche Lage hier oben noch verschärfen. „...und möglicherweise Touristen kosten“, gibt Sarah zu bedenken.


Das wollen wir nicht hoffen. Die Region ist wunderschön. Wir blieben ein paar Tage in Dungloe. Bretonische Strände in »The Rosses« hatten uns dazu verführt: enge, von bauchigen Felsen umschlossene Buchten, die bei Niedrigwasser weißen Sand freilegen und ihn der steigenden Flut dann doch wieder überlassen müssen. Unweit daneben weitläufige, mondsichelförmige Strände. Über allem Sonne über Sonne in diesem einmaligen Sommer. Makelloser Himmel. Wie oft sind wir in karibisch anmutendes Wasser gesprungen. Keine Kneipe und keine Ladenkasse, ohne von diesem Traumwetter reden zu müssen: von der anhaltenden Trockenheit und dieser unglaublichen Rationierung von Wasser. In Irland!

Auf 98,6fm macht »The Rosses Radio« Programm, in reinem Gälisch, denn heute ist Samstag. Die Kellnerin im Viking übersetzt: Die Bauarbeiten am neuen Kinderkrankenhaus in Dublin seien gestoppt +++ Betonieren mangels Wasser untersagt +++ Theresa May besucht Nordirland. Kopfschütteln und sorgenvolle Minen bei den Alten, wenn es um die Grenzen geht. Erinnerungen an die Troubles werden gehandelt. Anthea, die Wirtin unseres netten B&B im Provinzmetropölchen, erzählte, dass ein Sturm im Herbst das Dach der protestantischen Kirche zerstört habe, ausgerechnet an einem Sonntagmorgen. Dem Aufruf des katholischen Pfarrers unverzüglich zu helfen, folgte die ganze Gemeinde. Am Dienstagabend war das Kirchendach komplett renoviert, das Schlimmste verhindert. Als der Bischof von Derry davon erfuhr, soll er geweint haben: „Wäre so etwas doch bloß in Derry möglich... wir hätten keine Probleme mehr...“ „Wolltet ihr nicht nach Malin Head und rüber nach Derry?“, fragte Niall mit flüchtigem Blick auf die Uhr. Ja. Doch wir hatten uns festgesessen.


Der Bus 271 startet wochentags täglich um 7:30 a.m. ab Burtonport Pier und fährt über Sweeny´s Hotel in Dungloe Richtung Letterkenny. Nur sonntags ist Ruhetag. Mit kurzen Stopps unterwegs – an Duffy`s Bar und Moore´s Filling Station – ging es durch die fantastische Hügel- und Seenlandschaft von »The Rosses« landeinwärts. In der Ferne säumten die blauen Berge der Derryveagh Mountains den Horizont. Weithin sichtbar überragte sie Mount Errigal, der „Fujiyama des Nordens“, mit seinen knapp 800 Metern Höhe. Klar und scharf konturiert unter der Sonne jenes frühen strahlenden Sommermorgens, trug er den blauen Himmel ganz alleine. Die gloriose Sightseeing-Tour im Linienverkehr des »local link« war für 6 Euro pro Kopf zu haben – hin und zurück! Von der kleinen charmanten Provinzstadt Dungloe sauste der Kleinbus über die R251 bis Dunlewey, überholte entschlossen einige silberne Kleinwagen und brachte uns binnen einer Stunde zum Wandern an die stillen Seen des Glenveagh Nationalpark. Er fährt von dort ins geschäftige Oberzentrum Letterkenny und kommt nachmittags um 5 p.m. von dort wieder an, auf dem Weg zurück nach Dungloe.

Mit Fernblick auf Mount Errigal liegt auch Donegal Airport in den Dünen von Carrickfinn. Laut »National Geographic Traveller« ist es der zweitschönste Flughafen der Welt – wegen des spektakulären An- und Abflugs über der atemberaubenden Schärenküste. Doch kein Bus, kein Zug, keine Tram hält hier. Taxis können bei Ankunft am Schalter herbeigerufen werden. Ansonsten holen oder bringen einen die Nachbarn oder jemand aus der Familie. „Es ist ein bisschen provinziell“, räumt Sarah ein. Nun ja, sagen wir lieber: überschaubar – und sehr persönlich. Denn als wir einmal dort Freunde verabschiedeten, monierte die Sicherheitskontrolle das Handgepäck. Ein Beamter vom Check-in wusste, dass wir noch warteten, und kam eigens zu uns zurück in die Halle, mit jenem hoch verdächtigen Glas Nuss-Nougat-Creme in der Hand, und grinste breit: „...mit freundlichen Grüßen von der Security – fürs Frühstück morgen früh.“ Es wäre doch wirklich zu schade gewesen, es fortzuwerfen.


Man sieht sich, man kennt sich, auch wenn Donegal Airport diese herrlich abgeschiedene Gegend mit der großen weiten Welt verbindet. Zweimal täglich kommt eine Propellermaschine von Aer Lingus aus Dublin und fliegt zurück in die irische Hauptstadt, dreimal die Woche eine von Loganair: freitags, sonntags und mittwochs – von und nach Glasgow hinüber nach Schottland. Gerade diese Region braucht dringend Touristen, der »Wild Atlantic Way« führt viele heran und schnell vorbei. Zumal die meisten mit dem Auto kommen und eher weiterfahren als länger zu bleiben. Feste Grenzen zum »Norden« wären da nicht förderlich.

Die Moderne hat vielerorts Einzug gehalten, doch zugleich droht sie, den Charme der alten Zeit zu tilgen. Seit die Promillegrenze – zumindest gelegentlich – kontrolliert wird, gehen auch hier die ländlichen Pubs ein. Das Fernsehen verheißt unterhaltsame Abhilfe, aber das Programm ist mager und strotzt vor Werbung. Ungeachtet dessen ist der Fernsehmast in »The Rosses« ein beliebter Kletterturm. Wenn der Empfang schlecht ist, turnt immer wieder jemand hinauf und dreht den Sender in seine Richtung. Und daher gibt es denn auch diesen Sommer keine Radiosendung und keinen der omnipräsenten Fernsehschirme in den B&Bs, Hotels und Pubs, ohne dass nicht irgendwann wieder die Rede ist von diesem sonderbar warmen Wetter – und vom Brexit. Und immer die Frage der Leute, was wir denn als Touristen davon halten: „NIX! Nothing! Nonsense!“ Niall und Sarah nicken.




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