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  • AutorenbildHeinz Bück

Inis Oírr, die Kleine


Zur Insel der Heiligen und Gelehrten


Wir starteten bei kabbeliger See und Sonnenschein und kamen nach einer guten halben Stunde auf der „Queen of Aran“ an. Inis Oírr, das östlichste und kleinste Eiland der Aran Islands, liegt kaum fünf Meilen vor der Felsenküste der Grafschaft Clare, grau und wüst wie der Burren. Gegenüber dem Fahrradverleih am Hafen warteten Kutschen und abgewrackte Autos auf die Gäste. Eigentlich wollten wir ja zu Fuß laufen. Aber nun beschwor uns einer der Fahrer, uns seine Insel zeigen zu dürfen, und lud uns ein zu einer Rundfahrt: „Zu einem wirklich guten Preis“. Nun ja, die Inseln leben vom Tourismus und die Touristen sind nun einmal wir. So landeten wir widerstandslos in Davids altem, klapprigen Auto.



Trockenmauern säumen beidseits die Straßen. Ein Gewebe aus Wegen und Wällen liegt über dem Land, wie ein graues Netz, durch das freundlich hell die Wiesen und Äcker schimmern. Schon die frühen Siedler der Bronze- und Eisenzeit erbauten diese Wälle aus schroffen Blöcken, parzellierten ihr Land und machten den kargen Boden urbar: mit Tang, den die See achtlos auf die rissigen Küsten warf. In steinernen Becken fingen sie das Regenwasser, bevor es im rissigen Boden versickerte.

Heute ist der Archipel eine der wenigen verbliebenen Regionen, in denen irisch gesprochen wird: eine Gaeltacht offshore. Nur die entlegenen Plätze der Westküste, so hatte Pádraigín uns erklärt, konnten ihre Identität und Spiritualität bewahren und die gälische Sprache in die Neuzeit bringen. Besonders die vorgelagerten Inseln – kaum mehr in Sicht- und Reichweite des Festlandes – hatten sich der Inkulturation durch die englischen Besatzer weitgehend entzogen. Hiesige Sprachschulen lehren Irisch.


Wir fuhren südwärts und hielten am rostigen Wrack der „Plassey“, einem gestrandeten Frachter am steinigen Ufer, wo Flötenspieler die Touristen empfangen. Die Saison hier ist kurz und muss ein wenig Geld einbringen. Wir hielten am sichelmondförmigen Strand, wo die Curraghs rücklings im Sande liegen: Die Fischerboote der Arans sind denen der Inuits verwandt. Sie galten als schier unsinkbar. Mit Lederhäuten überzogen, mit Schafstalg gefettet und außen geteert, trotzten sie fürchterlichen Sturzseen. Mit ihnen stach schon Saint Brendan in See auf der Suche nach dem Elysion. Denn die Insel der Seligen kann niemals dort sein, wo man sich gerade befindet. Wir hielten an St Caomhán's Church, alljährlich das Ziel einer Wallfahrt. Die im Boden versunkene Kirche ist dem heiligen Kevin aus Glendalough geweiht. Doch selbst er konnte ihren Untergang nicht verhindern. Auch andere Geister walten hier.


Ann kam mit weißer Schürze aus dem Haus. Über dem einladenden Vorgarten ihres kleinen B&B liegt erhaben die Burg der O’Briens, auf einem gut 50 Meter hohen Hügel, der höchsten Stelle der Insel. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist von den Resten des vermutlich frühmittelalterlichen Ringforts Dún Formna umgeben, das wehrhaft hinüberschaut zu den Bruderforts auf Inis Meáin und Inis Mór. Wir waren zu Fuß weitergezogen. David wollte unsere Rucksäcke zeitig zur Fähre bringen und so verbrachten wir unsere Mittagspause im kleinen Garten. „Inis Oírr ist immer noch ein beschaulicher Ort“, sagte Ann, „die beiden anderen Inseln sind viel zu kommerziell geworden“, und sie eilte zurück in ihre Küche, um Geschirr zu holen. Obwohl ein paar Tropfen fielen, blieben wir draußen auf einer ihrer Picknickbänke, zwischen Reiseführern, Karten und Almanachen. Hier genehmigten wir uns eine Seafood Chowder, die cremige Suppe des Tages aus heimischen Meeresfrüchten, und einen Teller Makrelen, frisch aus dem Meer. Dazu gab es selbst gebackenes Brot, Kaffee und Tee. Unwiderstehlich der Nachtisch: eine Rhubarb Tart mit Vanillepudding und Sahne gereicht, mit Rhabarber aus dem eigenen Garten.


Rechtzeitig waren wir wieder am Hafen, wo David mit den Rucksäcken wartete und sich sichtlich über eine Aufmerksamkeit für die Aufbewahrung freute. „Ja, die Saison ist kurz.“ Pünktlich legte der „Happy Hooker“ wieder ab. Auf nach Inis Meáin:

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