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  • AutorenbildHeinz Bück

Skellig Michael: dem Himmel so nah

620 bußfertige Stufen hoch über dem Meer


• Das Statement war deutlich: „Wenn du die Chance hast und das Boot geht, nutze sie!“ Jonathan, ein Vogelkundler auf Tory Island, hatte voller Begeisterung von seinen Touren erzählt und nachdrücklich hinzugefügt: „Egal wie das Wetter ist! ... Skellig Michael ist fantastisch!“


Das Wetter war wirklich nicht gut, windig, grau und verhangen der Himmel. Aber es blieb zumindest trocken. Der Sturm war abgeebbt und auch der böige Wind ließ während des kühlen Morgens allmählich nach. Nach den Aran Islands, den Inseln der Gelehrten und Heiligen, wollten wir zum wahrhaft krönenden Abschluss unserer irischen Inseleskapaden hinaus zur Insel der Frommen und Gottesfürchtigen. Sie liegt zwölf Kilometer vor der Küste der Grafschaft Kerry weit draußen im Atlantik, eine weltabgeschiedene Einsiedelei zu Füßen des Himmels: die Klosterinsel Sceilg Mhichíl, Irlands berühmtes Weltkulturerbe.


Ja, es war fantastisch, Jonathan, trotz des herben Wetters! Vielleicht sogar gerade deswegen. Die frühen Eremiten flohen nicht von ungefähr in die unwirtliche Weite des Atlantiks, um dem Himmel näher zu sein. So machten wir uns denn auf, diesen entlegenen, spirituellen Ort zu besuchen. Wir fuhren von Portmagee hinaus zu den felsigen Sägezähnen am fernen Horizont, wo das Wasser des Meeres und das Firmament im eintönigen Grau jenes dämmrigen Tages verschmolzen. Wie die Gipfel eines versunkenen Gebirges ragten die beiden Inseln vor uns aus dem Meer: etwas kleiner im Südwesten Sceilig Bheag oder Little Skellig, nur wenig nördlicher und hoch erhaben Skellig Michael.



Wir saßen in einem schaukelnden, halb offenen Boot, den mächtigen Wogen ausgesetzt wie einst die irischen Gottesmänner, wenngleich dick verpackt in steifes Ölzeug. Vorangeschoben von PS-starken Motoren, die uns durch das Wellengebirge hinüberpflügten, steuerten wir die Skelligs an. Das Wetter passte. Denn, um auch nur annähernd nachempfinden zu können, welchen Bedingungen sich die gläubigen Weltentsager im 6. Jahrhundert dort draußen aussetzten, bleiben uns Heutigen wahrscheinlich nur genau diese Widrigkeiten: der Regen und die Kälte, das mulmige Gefühl, ja zuweilen sogar ein wenig Angst in der aufgewühlten See.


Das Boot tanzte in den Wellen. Gischt und Wasser gingen über Deck. Die Klippen kamen nur langsam näher. Dann, nach einer endlosen Stunde, türmten sich die mächtigen Felsen über uns auf, im Geschrei abertausender Vögel. Der Pier lag in einer engen Felsenspalte. Leitern führten hinaus auf einen befestigten Weg. Wir waren angekommen auf Skellig Michael, ein bisschen seekrank zuweilen, aber wohlbehalten und glücklich, dass wir es geschafft hatten: Vor uns lagen die Stiegen zum Himmel.




Dabei war der Aufbruch heute früh überhaupt nicht sicher. Der Morgen war grau und regnerisch heraufgedämmert. Starke Winde waren vorhergesagt, die Tour stand gestern schon infrage. Unsere letzte Order war: Anruf gegen 7.45 Uhr bei Pat, unserem Skipper, um zu erfahren, ob das Boot überhaupt gehe. Kein Durchkommen jedoch, nur der Anrufbeantworter. Weitere Versuche mit demselben Ergebnis. Wir beschlossen, zum Hafen zu fahren und nachzuschauen. Unterwegs eine SMS: Es sei nicht sicher, ob die Boote starten. Sie versuchten per Funk, Auskunft von der Insel zu erhalten, ob man überhaupt anlegen könne. Noch während der Fahrt, kurz vor Portmagee, kam der erhoffte Anruf: Wir fahren. Wunderbar, wir sind auf dem Weg!


Wir erreichten den Hafen, fanden das Boot und Pat, den Skipper, und wir gingen sogleich an Bord. Ein freundliches Hallo für alle Neuankömmlinge auf den Bänken des kleinen Außendecks. Schwimmwesten und Ölzeug wurden verteilt, wir legten ab und verließen die geschützte Bucht von Portmagee. Freudige Anspannung und erwartungsvolle Aufgeregtheit lagen auf den Gesichtern der Mitreisenden, die einander erzählten und sich gegenseitig vorstellten: Brian, dessen Familie nach Amerika ausgewandert war und der jetzt in Ruhestand ist und die alte Heimat besucht. Brigitt, die korpulente schottische Fotografin, die sich mit dieser Tour einen Traum erfüllen wollte. Eilean, die so angstvoll auf die Wellenberge starrte und sogleich wieder tapfer lächelte, sobald nur ein wenig geflachst wurde. Denn seit wir das offene Meer erreicht hatten, wogte es übel im frischen Wind.



Nicht nur sie, nein, wir alle waren froh, als wir Skellig Michael endlich erreicht hatten. Pat hatte gekonnt am heftig umwogten Anleger der Steilküste festgemacht und uns die glitschigen Leitern hinauf geholfen. Wir hatten wieder festen Boden unter den Füßen. Über uns der kolossale massige Fels. Gegenüber, von Dunst und von weißem Vogelgestöber überzogen, lag Little Skellig in tosender Brandung. Noch im Aufbruch hieß es: „Pat sagt, um zwölf sollen wir wieder zurück sein!“ Das ist sehr wenig Zeit, es ist ja schon zehn!


Im weiten Bogen führt der Weg von jenem Bootsanleger sanft bergan, immer am Meeresrand entlang – in einer Bauchfalte der felsigen Insel. Geschützt von einer breiten Mauer zieht er stetig hinauf zu den gipfelstürmenden Treppen. Schon nach den ersten Schritten ist die waghalsige Überfahrt vergessen. Ein kurzer Blick hinauf auf die turmhohen Felsen, Gemäuer in Grau. Dann nimmt uns die Aussicht auf den weiten Atlantik ringsumhin gefangen.



Dort! Ein Delfin! Nein zwei: ein Muttertier mit ihrem Jungen an der Seite. Seht euch das an! Und während alle staunend in die Wellen schauen und den ein- und auftauchenden Körpern nachblicken, landet der erste Papageitaucher auf der Mauer gleich neben uns in Fotopose. Jonathan hatte recht: „Wenn ihr zur Brutzeit kommt, werdet ihr über Puffins stolpern, so zutraulich sind die Vögel dort.“ Ja, wir sind zur rechten Zeit hier. Die Papageitaucher haben den Felsen noch nicht verlassen. Hunderte, ja Tausende Vögel sitzen in ihren Erdhöhlen über uns, laufen über die Wege oder stürzen sich von den Felsen hinab ins Meer, um zu fischen und ihre Jungen zu füttern. Der Weg zum Himmel führt durch ein Vogelparadies!


Wir brauchen einige Zeit, ehe wir am eigentlichen Startpunkt ankommen. Und am Fuße der Treppen ist bereits Stau. Andere Boote haben schon vor uns hier angelegt. Sie dümpeln draußen auf hoher See und haben ihre Gäste zum Landgang abgesetzt. Schlange stehen, vorrücken. Hier, am Fuße der Himmelstreppe, werden alle Besucher von einem Ranger empfangen und eingewiesen, Menschen aus aller Herren Länder. In kleinen Gruppen werden jedem einzelnen die wichtigsten Verhaltensregeln erklärt: Der Weg ist ungesichert, sehr steil und rutschig. Die Stufen nur grob behauen. Wer Höhenangst bekomme oder unsicher werde, solle sich lieber sitzend auf dem Hinterteil wieder hinabbewegen, sagt der Ranger und mit Nachdruck: „Es ist nicht ungefährlich und heute ist es besonders glatt!“



Der Einstieg in die steile Treppe ist mannsbreit, ohne Geländer. Jäh beginnt der Aufstieg, mit ein wenig Abstand zum Vordermann. In stapfenden Wiegeschritten trotten Paare und Grüppchen über uns in weiten Kehren den Berg hinan, wie eine Karawane bunter Pilger, wie die Osterprozession in Santiago de Compostela, Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, steil bergan. 620 bußfertige Stufen wollen wir hinauf zu den steinernen Bienenkörben des mittelalterlichen Klosters, hoch oben auf dem Nebengipfel eines Berges, der 180 Meter aus dem Meer ragt. Der Südgipfel der Insel bringt es sogar auf 207 Meter Höhe. Wir haben es so gewollt.


Wir bleiben dicht zusammen. Nach etlichen Kehren und Wendungen die erste Rast, ein Schritt zur Seite, ein willkommener Verschnaufer. Wir nehmen Brigitt mit hochroten Wangen in unsere Mitte. Die schottische Fotografin ist schon völlig außer Atem und sie hadert mit sich: Sie überlege innezuhalten und wieder umzukehren, habe Angst, es nicht zu schaffen. Sie ringt sichtlich mit ihren Gewichtsproblemen, ist ziemlich aus der Puste und sorgt sich, auf dem glitschigen Stein nicht voranzukommen, uns aufzuhalten, nicht rechtzeitig wieder zu unserem Boot zurückzukommen: „Wir müssen doch um zwölf wieder unten sein!“



Nur die Ruhe, Brigitt! Ganz langsam! Wir haben Zeit! Wir nehmen ihr den Rucksack ab, greifen eine ihrer Kameras und beruhigen sie: „Es wird warten, Brigitt! Das Boot wird warten, bis wir alle wieder ruhig und sicher unten sind. Wir schaffen das! Gemeinsam! Wenn du das willst! Wir nehmen uns die Zeit! Wir dürfen das, wir sind willkommen!“


Zwei Stunden können gefährlich kurz sein. Die Aufenthaltszeiten auf der Insel wurden von den Skippern systematisch verkürzt, um den nachdrängenden Touristenstrom verfrachten zu können. Aber Auf- und Abstieg in nur zwei Stunden, das ist zeitlich wirklich knapp. Sehr knapp. Nein, zu knapp für einen solchen Ort! „Hier, nimm einen Wanderstock, Brigitt, und nimm ihn immer schön auf der Bergseite! Nicht am Abhang, nicht an der Talseite! Wir nehmen dich mit! Hinauf zum Gipfel“.



620 Stufen hinauf. Schritt für Schritt. Stufe für Stufe. Steil bergan. Der böige, seeseitige Wind fordert ein hohes Maß an Konzentration auf der endlos gewundenen, steilen Treppe. Nirgends ein Halt, kein Geländer, kein Seil. Und der Blick hinunter in die Tiefe schweift über die endlose Prozession der Pilger bis hinab in die schäumende See. Die Ablenkung ist groß, wunderbar groß. Überall hocken die niedlichen clownsköpfigen Puffins. Sie sind derzeit die eigentlichen Hausherren dieser Insel. Es ist nur zu verlockend, ihnen zuzusehen. Aber man darf diese Stufen nicht aus den Augen lassen. Es geht steil bergauf und der Weg ist wirklich nur sehr schmal.


Brigitt macht gelegentlich ein Päuschen, ein Fotopäuschen, ein Aussichtspäuschen, ein Nunschaudocheinmalda-Päuschen – und immer wieder Bilder von uns. Und je höher wir kommen, umso leichter und entschlossener geht sie hinauf, findet ihre Heiterkeit und ihren Schalk wieder. Der Gipfel ist erreicht. Graue Trockenmauern empfangen uns. Brigitt strahlt, lässt uns am Eingang des Klosters posieren: die Daumen hoch, das Winnerteam, und sie macht Foto über Foto, ein lebensfroher Mensch, glücklich wie wir, diesen wundervollen Ort unter dem weiten Himmel erreicht zu haben und erleben zu dürfen. Es ist nicht wichtig, dass der Tag grau verhangen ist, grau wie die archaischen Bauten um uns herum.



Auf dem engen Plateau drängen sich die steinernen Bienenkorbhütten der Klostersiedlung. Einst waren sie die Zellen der Mönche. In ihrer Mitte steht die archaische St. Michael's Church. Dahinter liegt der kleine Friedhof. Jene korbartigen Hütten wurden schon in der Eisenzeit und in frühchristlichen Jahrhunderten errichtet. Diese hier waren selbst in der Neuzeit noch bewohnt. Die Bauweise war typisch für die irische Westküste. Ähnliche Bauten finden sich auf der Dingle Peninsula und auf den Aran Islands, im County Sligo und am Slieve League bis hinauf zur Westküste des Donegal. Andere stehen in Schottland, auf Skye oder weiter südwärts in Cornwall und Südfrankreich. Über die gesamte Westatlantikküste ist diese uralte steinerne Schichtbauweise zu finden.


Der Ausblick ist überwältigend, die schiere Freude, ein Te Deum. Die Schönheit der Natur und der Friede des Ortes beeindrucken tief. Diese friedvolle Stimmung ergreift die Menschen und sie verbindet viele hier oben. Deine Begeisterung über die Allgegenwart dieser zutraulichen Papageitaucher ist spürbar, Jonathan!



Dicht gedrängt hocken wir in den schmalen Gassen des kleinen Klosters beisammen und lauschen gebannt dem Vortrag der Rangerin, ein säkulares Oratorium. Etliche beten in St. Michael's Church, manche suchen Ruhe für eine kurze Meditation. Was immer die Weltentsager hier suchten, wir ahnen nun, was sie hier fanden, an diesem wahrlich spirituellen Ort. Wir möchten bleiben und verweilen und beklagen, dass die Zeit für uns moderne Pilger einfach viel zu kurz bemessen ist.


Ja, wir müssen bald runter, Brigitt! Nur weil unser Skipper schon wartet. Ja, und weil noch viele andere Besucher nachdrängen. Der Abstieg wird nicht leicht werden, denn es hat angefangen zu regnen und die Stufen sind gefährlich glatt. Ja, wir werden mit Verspätung ankommen. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist dieser fantastische Augenblick: Wir haben es gemeinsam bis auf den Gipfel geschafft! Ist es nicht wunderbar? Und jetzt genießen wir triumphierend dieses grandiose Glück, hier oben zu stehen und hinabzuschauen – hinüber auf die weiß gefiederten Vogelfelsen von Little Skellig, die Zigtausende von Basstölpeln beherbergen – hinab auf die wartenden Boote dort tief unten in den Wellen – und hinauf in den Himmel und auf das endlose Meer.


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