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  • AutorenbildHeinz Bück

Rein organisch: Ulster Scots

Landbau mit Rückwendung zur Zukunft


• Die Türglocke des kleinen Hofladens bimmelt hell. In Regalen und hölzernen Kästen stapeln sich Obst und frisches Gemüse. Hinter einer blanken Waage und Schachteln blassweißer Erdbeeren steht ein groß gewachsener Mann hinter der Theke: Frank McCooke. Hemdsärmelig, mit breitem Kreuz und respektabler Bundweite über der grünen Schürze. Sein gescheiteltes Haar ist schlohweiß. Hinter seiner Brille leuchten hellwache Augen verschmitzt aus einem runden freundlichen Gesicht: „Good afternoon.“


Frische, noch bodenfeuchte Kartoffeln liegen in der Schütte, daneben duftende Petersilie, prächtiger Blumenkohl und fette Karotten im erdigen Bund. Rote Bete, Zwiebeln, Knoblauch und Porree in offenen Kisten. In Körben davor rotbäckige Äpfel, die offenbar etwas kleiner sind als die gängigen Supermarktstandards, aber wohlriechend und appetitlich. Neben Gläsern mit hausgemachter Marmelade sind Eier in Horten aufgetürmt, aus dem Freiland, wie ein Pappschild verrät: zwei Pfund das halbe Dutzend. Ob das alles lokale Erzeugnisse seien? „Irgendwo auf der Welt schon“, lacht Frank, um sogleich einzulenken und mit unverhohlenem Stolz von seinen Produkten und Anbaumethoden zu erzählen. Ganz unbestreitbar hat Slemish Market Garden ein besonderes Angebot, gut sortiert, vom eigenen Feld und ergänzt um regionale Erzeugnisse und überregionale Früchte. Aber alles aus ökologischem Anbau: rein organisch. Darauf besteht er.


Frank McCooke spricht einen breiten schottisch-englischen Akzent und trägt einen unverkennbar schottischen Namen. Und ganz offenbar ist er immer für eine gute Unterhaltung zu haben, für Kundenbindung von Mensch zu Mensch. Immer wieder muss er unser Gespräch unterbrechen, um die Laufkundschaft zu bedienen: „...die weißen Erdbeeren sind wunderbar“. Sein Sohn habe letztes Jahr den Einkauf gemacht, verrät Frank. Zu spät haben sie festgestellt, dass die Erdbeerpflanzen keine rote, sondern eine weiße Sorte waren. Erst wollte er sie unterpflügen, aber nun finden sie doch ihren Absatz, vor allem zu Hochzeiten. Man muss sie halt nur als etwas Besonderes anbieten: „...wirklich lecker! Probiert mal!“


Franks Großvater war damals vom schottischen Argyll hinüber nach Nordirland gezogen. Seitdem betreiben die McCookes hier Fischfang und Landbau nach Art ihrer Vorfahren. Mehr als 100 Jahre ist seine Familie nun schon im County Antrim ansässig, an einem Platz, wo schottische Einwanderer in Irland seit Jahrhunderten landen und unter ihresgleichen willkommen sind, die Ulster Scots. Irland ein Einwanderungsland? „Oh ja“, sagt Frank. Die See habe die Iren und Schotten in diesem meeresüberspannenden Siedlungsgebiet seit eh und je verbunden. Über den North Channel, dem Eingang zur Irischen See im Süden, und über die alten Seewege nordwärts zu den schottischen Inseln der Inneren Hebriden. Vom schottischen Kintyre aus kann man abends die Lichter der Antrim Coast sehen und von Nordirland auf den Bergen von Rathlin Island die Whiskeyinseln Jura und Islay. „...nein, das sind ganz besondere Erdbeeren ... nur zwei Pfund fünfundzwanzig die Schale!“


Wirtschaftlicher Austausch und kulturelle Diffusion reichen trotz wechselnder Herrschaften sehr lange zurück: weit hinaus über die irische Missionierung Schottlands, bis in keltische und vorkeltische Zeiten. „Argyll“ bedeute im schottischen Gälisch nicht umsonst „die Küste der Gälen“. Einst war sie von den Orkney Islands über die Hebrideninseln bis nach Rathlin Island geeint: im alten Kingdom of the Isles. Von den Wikingern im 10. Jahrhundert erobert und von der Isle of Man aus regiert, übernahmen später die Mac Donalds die Macht und beherrschten die Inseln von Skye aus bis ins 15. Jahrhundert. Bis der englische König dem Parallel-Empire des Clans ein Ende bereitete und britischer Herrschaft unterwarf. Dennoch blieb der wechselseitige Austausch und Zuzug über die Jahrhunderte weg bestehen. Die gemeinsame Sprache indessen, das Gälisch, hatte sich diesseits und jenseits des North Channel in diesen vielen Jahrhunderten längst auseinanderentwickelt. Doch heute noch sprechen sie in Teilen Irlands das Ulster Scots. Hier in Nordirland ist es sogar Amtssprache. Es ist ein Dialekt der melodiösen Art, der viele gälische Wörter erhalten hat und den auch Frank bewahrt und kultiviert: „...ja, das sind weiße Erdbeeren. Köstlich!“


Frank und Kathie haben das Land hier am Stadtrand von Ballymena vor bald 40 Jahren gepachtet. Das war gleich nach ihrer Hochzeit. Seitdem bewirtschaften die beiden ihre 16 Acres gemeinsam. Es lag während der unseligen Zeiten der Troubles genau zwischen zwei verfeindeten Lagern von Unionisten und Republikanern, die ihre Fehden auf unseren Ländereien austrugen, erzählt Frank. Aber er war nicht zimperlich und er hatte elf Brüder, die wie er einer ordentlichen Schlägerei nicht abgeneigt waren. „Und so galt der Hof alsbald als demilitarisierte Zone“, grinst er und schüttelt die mächtige Pranke.


Von seinem Großvater habe er die alten Land- und Gartenbaumethoden übernommen, aber auch die Traditionen, und viele Erzählungen aus der alten Heimat mitbekommen. Und wer ihm zuhört, wird bestätigen: offensichtlich auch das strahlende Talent eines humorvollen Geschichtenerzählers. Gemeinsam mit ihren Söhnen betreiben die McCookes ihren Familienbetrieb inzwischen in zweiter Generation, doch immer noch nach alter Väter Sitte. Nur heiße so etwas heute organisch-biologischer Garten-, Obst- und Feldbau. Aber das darf Frank nicht dranschreiben. Er kommt in Rage. EU-Vorschriften und fehlende Zertifikate hindern ihn zu sagen, was eigentlich so und nicht anders genannt werden müsse: Die McCookes betreiben einen Bio-Hof. So ist das! „Nein, die sind so, das sind weiße. Wir verwenden keine rote Farbe, wir spritzen ja nicht“.


Mit den Behörden des District Council hat Frank eh seine liebe Not. Ihm wurde offiziell verboten, Seetang auf seinen Feldern unterzugraben, wie er es von seinem Großvater gelernt habe: „Gräben in die Äcker ziehen und den Tang einarbeiten.“ Dabei stammt sein organischer Dünger ja nicht aus der Irischen See, die die walisischen Atommeiler verseuchen dürfen. Nein, er kam von einem Stück Land im Norden, von der Antrim Coast, am klaren offenen Atlantik, keine halbe Stunde von hier. Doch mehr noch als gute Argumente halfen dann schließlich doch die Traditionen und ein Schuss iro-schottischer Starrsinn, um dem bürokratischen Rigorismus zu entgehen. Landeigner seit Jahrhunderten und alter Herkunft war nämlich immer noch ein McDonald. Und der verbot sich solchen Unfug für seine Ländereien und seinen Pächter, worauf keinerlei Einwände von Amts wegen jemals mehr geltend gemacht wurden. Ja, so war das.


Frank ist sehr konsequent in der Verteidigung seines tradierten Öko-Know-hows und beredt in seiner Vermarktung: Es sind die alten Methoden und das alte Wissen um Aussaat, Anbau und Aufzucht, die bewahrt werden müssen und auch immer mehr gefragt sind. „Eine Rückwendung zur Zukunft“, nennt er das. Die McCookes arbeiten strikt ohne Pestizide oder Insektizide, nicht nur bei ihren Erdbeeren. Frank sprüht nach einem Rezept seines Großvaters eine Knoblauchlösung über die Äpfel, um Pilzbefall zu vermeiden. Er befolgt Nachbarschaften von Zwiebel und Knoblauch zwischen Karotten und Kohl. Und er kennt – ebenfalls von seinem Großvater – ein wirksames Hausrezept für eine Art Schneckenkorn. Es lockt die gefräßigen Weichtierchen aus 200 Yards an, „sodass du es besser deinem Nachbarn über den Zaun wirfst, wenn du sie nicht selber einsammeln willst.“ Ob es aus Bier bestehe? „Nein, das ist ja nun wirklich zu schade.“


Auf dem Gelände streunen die freilaufenden Hühner. Sie helfen mit, den Boden von Ungeziefer und Schädlingen zu säubern. Und sind besondere Probleme zu lösen, so weiß ein Handbuch aus dem Jahre 1640 aus dem Familienbesitz Rat. Sein Großvater hat es ihm hinterlassen, natürlich. Daher weiß Frank, wie man den Fuchs vom Hühnerstall fernhält. Man muss Eimer mit Pisse an den Zäunen verteilen. Der Fuchs riecht offenbar den Menschen, kann ihn aber nicht sehen und bleibt vorsichtshalber fern. Und so haben Franks Helfer den Auftrag, beim Pinkeln für frischen Nachschub zu sorgen. Die Jungs, natürlich. So ist das. Alles organisch. Im riesigen Folientunnel hinter dem Hühnerhaus gedeihen Bohnen, Kopf-, Pflück- und Feldsalat. Leuchtende Blumen quellen aus den Hochbeeten. Setzlinge stehen im Freiland. Frank folgt strikt dem Mondzyklus für neue Aussaaten. Denn eine Woche nach Neumond regnet es immer und der Regen bereitet der aufkeimenden Saat einen idealen Nährboden: „Wenngleich es auch sonst immer mal regnet“, lacht er verschmitzt.


Im Gewächshaus schlummert ein Baby, seine Enkelin, die Neugeborene seiner schönen Schwiegertochter, strahlt Frank. Deren Familie komme übrigens aus Deutschland. In Irland sind eben viele Nationen vertreten, ein weltoffenes Land. Tochter Ellen studiert in Schottland. Nicht in Belfast und nicht in Dublin, nein in Edinburgh. Traditionen und Bindungen reichen eben lang und weit zurück, über die Irische See bis an die Nordsee und in die Republik zum fernen Donegal, wohin wir seit nun gut zwei Stunden aufbrechen wollen. Auch die McCookes machen dort jedes Jahr zwei Wochen Urlaub. Besonders die Halbinsel Inishowen hat es ihnen angetan. Auch hier spreche man übrigens Ulster Scots.


Mit Salat, Rote Bete und weißen Erdbeeren gut versorgt, schickt Frank uns auf den Weg. Nimmt man am Magilligan Point die Fähre über den Lough Foyle, statt außen herum über Derry zu fahren, so sagt er, ist man in zweieinhalb Stunden dort: durchs grenzlose Borderland vom nordirischen Ballymena zum republikanischen Ballygorman am Malin Head. Grenzen spielen hier echt keine Rolle mehr und Gewässer sind Verbindungswege, das haben wir verstanden. Für Frank gehören die Regionen hier oben eh allemal zusammen, organisch gewachsen in Jahrhunderten.


Der Betrieb der McCookes und ihr kleiner Hofladen liegen gleich an der Zufahrtsstraße zum ECOS Visitor Centre des Mid & East Antrim Borough Council. Das sehenswerte Besucherzentrum stammt aus den späten Neunzigern. Es will das Bewusstsein schärfen für die drängenden ökologischen Anliegen der Moderne und den lokalen Kosmos stärken. Das millionenschwere Aufklärungsprojekt steht in der Kritik, zu wenig Resonanz zu finden, und leidet unter schwachen Besucherzahlen und geringer Akzeptanz. Allein deswegen beweist es seine Berechtigung. Ihm gegenüber liegt der benachbarte Hof der McCookes wie eine Realität gewordene Utopie. Vielleicht sollte Frank die Seminare und Führungen bei ECOS übernehmen, so rein organisch.

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