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  • AutorenbildHeinz Bück

Haus ohne Hüter: in Dugort bei Böll

P.J. Gallagher war in gewesenen Jahren Heinrich Bölls House Keeper auf Achill Island


Heinrich Böll suchte in Dugort stille Zuflucht vor den Querelen des Nachkriegsdeutschlands. P.J. Gallagher schaute in seiner Abwesenheit nach dem Rechten und verwahrte das Böllsche Cottage. Seinen Campingplatz hier musste er später aufgeben. Geblieben sind ihm sein kleiner Laden und verblassende Erinnerungen.


Eine undurchdringliche, graubraune Wolkendecke hängt über dem Meer und über dem Land. Die Berge ringsum sind verschwunden. Himmel und Erde sind eins geworden. Peitschender Regen trommelt aufs Autodach. Ein dichter Wasserfilm läuft über die Scheiben. Der Wind schaukelt das Fahrzeug in heftigen Böen. Unser Tag endete gegen vier Uhr nachmittags in strömendem Regen an der Deserted Village von Slievemoore. Wir sind zurück aus Dugort. P.J. Gallagher hatte uns den Weg zum Cottage von Heinrich Böll gewiesen. Nun stehen wir mit der Nase im Sturm auf dem Keel Sandybanks Camping und wettern ab.


Gallagher hatte bis vor etlichen Jahren selbst einen kleinen Campingplatz betrieben. Sein Seal Caves Caravan Park war wunderschön am Silver Strand von Dugort gelegen. Doch er konnte die Auflagen nicht mehr erfüllen und musste aufgeben. Viel Geld ging verloren. Heute ist er über siebzig und betreibt auf die alten Tage immer noch seinen kleinen, spärlich sortierten Lebensmittelladen, um ein Zubrot zu verdienen. Das blaue Haus steht unmittelbar an den Dünen des Silver Strand. Geblieben sind zudem die Erinnerungen aus den Böllschen Zeiten. Doch sie verschwimmen nach all der langen Zeit, nach mehr als dreißig Jahren.


P.J. Gallagher holt eine vollgestopfte Aktentasche, zieht alte Zeitungsartikel und Briefe heraus und nestelt in Skripten und Unterlagen, als suche er Beweise. Ja, er war Bölls House Keeper in jenen Jahren. Wenn die Familie in Deutschland war, sah er nach dem Rechten. Und wenn Gäste den Schlüssel brauchten, kamen sie zu ihm. Doch die Erinnerungen verblassen, wie die ausgebreiteten Papiere. „Wann eigentlich kam Heinrich Böll erstmals hierher?“, fragt er versonnen sich und uns. „War es 1955? Ja, Mitte der Fünfziger muss das gewesen sein. Er fuhr einen französischen Wagen, einen Citroën“ erinnert er sich. „Dabei waren die Straßen damals hier in einem so schrecklichen Zustand.“


„Wir sind in Mayo, God help us“, hatte Böll im Irischen Tagebuch geschrieben. Als wolle uns das Wetter die wahre Kulisse zeigen, tost draußen der Sturm. Er erinnert uns an die herben Seiten dieser Insel im zornigen Atlantik und an die Härten jener gottverlassenen Gegend, die seit Jahrtausenden von Menschen besiedelt und immer wieder aufgegeben wurde.


Landflucht und Auswanderung bestimmen immer noch das Bild. Die Regierung hat Strukturhilfen gegeben. Achill Island ist ein wunderschöner Fleck Erde und zugleich eine harte Lebenswelt. Geliebte Heimat, für die, die hier aufwuchsen, und mutlos aufgegebene Bastion für viele, die aus Armut weggehen mussten. Slievemoore, das verlassene Dorf, „das Gebein einer menschlichen Siedlung“, wie Böll es nannte, steht als Sinnbild und Ausdruck dieser nicht enden wollenden Niederlage.


P.J. Gallagher schenkt uns zum Abschied eine Ansichtskarte seines Seal Caves Caravan & Camping Parks aus den frühen Neunziger Jahren. Sie ist immer noch für ein paar Cents in jenem kleinen Lebensmittelladen bei ihm zu haben.


Anmerkung

Heinrich Böll kam seit 1955 bis zu seinem Tod immer wieder nach Dugort. Sein Cottage erwarb er aber erst im August 1958. Heute finden dort Stipendiaten der Heinrich Böll Stiftung ein Refugium und Touristen ein kleines Hinweisschild am Tor, diese Ruhe nicht zu stören und die Privatsphäre zu respektieren.


Das Irische Tagebuch übrigens ist nicht in Dugort entstanden, sondern kam bereits 1957 heraus. Es beschreibt die raue Wirklichkeit und die Herzlichkeit der Menschen am hiesigen Rande der Welt. Es erschien 1961 als Band 1 bei DTV.


Dienstag, 20.08.2013 – Dugort (Dumna Goirt), Achill Island





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